Online-Unterricht konkret (Teil 2)

Ich versuche, im Fernunterricht Übungen durchzuführen, die ich auch im Präsenzunterricht abhalte – jedoch mit Fokus auf die spezielle Online-Situation. Im Folgenden zwei Beispiele aus meiner Praxis (Kommunikation – Auftrittskompetenz – Moderation).
  • 19. Juni 2020, 10:05
  • Unterricht der Zukunft

Übung 1: Redetraining

Die Studierenden sollen aus dem Stegreif während drei Minuten zu irgendeinem Thema präsentieren, das freie Reden einüben. Das Thema, über das sie sprechen, spielt keine Rolle: eine Alltagserfahrung, mein Morgen, eine Begegnung, einige Gedanken zu einer Begebenheit, die mich beschäftigt. Wenn wir uns alle im Klassenzimmer sehen, ist das einfacher, weil ich als Lehrperson intervenieren, die Referentin bei Unsicherheiten unterstützen, auf ein Blackout reagieren kann. Auch inhaltlich kann ich als Dozent schnell eingreifen und ad hoc eine Anschlussübung lancieren. Zum Beispiel: «Jetzt hast du bei deiner freien Rede drei Minuten über ein Thema gesprochen. Versuche, das Gleiche nun in 20 Sekunden zu kommunizieren.»

Im Fernunterricht habe ich dies wie folgt gelöst: Je vier Studierende versammeln sich in einem Breakout Room (Moodle, Konferenzsystem BigBlueBotton). Zeit: acht Minuten – in den ersten zwei Minuten entscheiden, wer spricht und über welches Thema der Student oder die Studentin referiert. Dann drei Minuten frei zum Thema reden; die anderen Studierenden der Gruppe hören nur zu. Schliesslich: drei Minuten kurze Rückmeldung in der Kleingruppe. Am Schluss Austausch der Erfahrungen im Plenum mit allen Studierenden. Varianten in den Breakout Rooms: einmal nur Audio, ein andermal zusätzlich mit Videofunktion.

Einerseits thematisieren wir gemeinsam die Kunst des freien Redens. Wie kann ich aus dem Stegreif einen Diskurs entwickeln, wie komme ich ins Sprechdenken? Wie entwickle ich psychologische Sicherheit? Was bewirkt Audio/Video? Wie fühlt es sich an, wenn ich zu einem Publikum rede, es aber nicht sehe? Der Fernunterricht kann hier einen Mehrwert schaffen. Neben den Erkenntnissen in Bezug auf das freie Vortragen thematisieren wir auch die Online-Situation, die sich vom Präsenzunterricht unterscheidet und die im beruflichen Kontext – auch ohne Corona – wohl immer wichtiger wird.

Erkenntnis aus dem Online-Unterricht: Wichtig sind kurze Blöcke, die sich abwechseln, klare Zeitvorgaben, noch klarere Handlungsanweisungen als im Präsenzunterricht.

Übung 2. Moderation

Wir haben als Erstes einen kurzen YouTube-Einspieler einer Moderation angeschaut (Arena) und wichtige Eigenschaften einer erfolgreichen Moderation herausgearbeitet. Oder wir haben uns die ersten zehn Minuten des «Sternstunde Philosophie»-Gesprächs mit Barbara Bleisch und Claude Nicollier angeschaut. Thema: Umgang mit Unsicherheit (was Nicollier mehrfach erlebt hat) und der Zusammenhang mit der Corona-Krise. Nun hat ein Student oder eine Studentin die Aufgabe, ein Gespräch zum Thema Unsicherheit zu moderieren. Im Gegensatz zur Übung in den Breakout Rooms geschieht das nun im virtuellen Plenum mit allen Studierenden. Präsent sind 10 bis 15 Studierende (wiederum Konferenzsystem BigBlueBotton). Sieben Minuten arbeiten wir nur mit Audio, sieben Minuten mit Audio und Video. Die Moderatorin hat unter anderem die Aufgabe, die Statements der anderen aufzunehmen und so neue Themen (innerhalb des Themas Unsicherheit) zu lancieren.

Variante 1: Nach den ersten sieben Minuten wechselt die Moderatorin.

Variante 2: Zwei Studierende moderieren gemeinsam im Team.

Variante 3:  Die Moderatorin verlässt sich nicht auf die spontanen Meldungen der Gesprächsteilnehmenden, sondern fordert einzelne auf, sich zu äussern.

Variante 4:  Die Moderatorin lanciert Themenaspekte durch kleine eigene Geschichten und motiviert so die anderen zu Beiträgen.

Am Schluss diskutieren wir die Moderationserfahrungen und leiten Best-Practice-Regeln ab.

Erkenntnis

Die Aufmerksamkeit der Studierenden bleibt im Online-Setting hoch, wenn ich relativ spontan neue Varianten erprobe, die Studierenden überrasche («Nun haben wir gesehen, dass …», «Jetzt probieren wir mal dies …»). Die Lebendigkeit des Unterrichtsgeschehens ist entscheidend, damit sich die Studierenden nicht verabschieden – was online relativ schnell geschehen kann.

Rolf Murbach

Rolf Murbach (www.rolfmurbach.com) ist Redaktor bei Context, der Zeitschrift des Kaufmännischen Verbands, Dozent und Schreibcoach. Er unterrichtet an der HSR Hochschule für Technik Rapperswil und an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich.

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