«Lost»? Eine junge KV-Lernende in Zeiten von Corona berichtet.

«Bleiben Sie zu Hause!»

Wer erinnert sich nicht an das Credo von Bundesrat Alain Berset zu Beginn der ersten Welle. Auf den ersten Lockdown im Frühling 2020 folgt nun ein zweiter harter Lockdown. Während die Gesellschaft in der Corona-Pandemie vornehmlich auf den Schutz der älteren Generationen fixiert ist, hat sich im deutschen Sprachraum «lost» als Jugendwort des Jahres 2020 etabliert. Wie geht es der Generation Z in diesen surrealen Zeiten? Wir haben bei einer Lernenden des Kaufmännischen Verbandes Schweiz in Zürich nachgefragt.

  • 15. Januar 2021, 10:00
  • Beruf und Bildung

Was verbindest du mit «lost», dem Jugendwort des Jahres?

Als «lost» würde ich eine Person beschreiben, die sich verloren fühlt, die verpeilt oder ganz einfach nicht bei der Sache ist. Man kann auch eine Art Blackout haben, so dass man in einem wichtigen Moment nicht mehr weiterkommt. Vor allem in Zeiten von Corona wurden manche Kolleginnen und Kollegen durch eine gewisse Orientierungslosigkeit in der Freizeit heruntergezogen. Glücklicherweise gehöre ich nicht dazu.

Wie empfindest du die Umstellung von Präsenz- auf Fernunterricht in deiner Schule?

Zu Beginn des Online-Unterrichts hatte ich grosse Mühe mit der Umstellung. Nach einer gewissen Zeit hatte ich mich zwar daran gewöhnt, dennoch war es bei Weitem nicht dasselbe. Für mich war es beispielsweise daheim viel schwieriger, ein Thema aufzunehmen. Ehrlich gesagt habe ich während dieser Zeit keine grossen Lernfortschritte gemacht und hoffe deshalb, dass die Schulen nicht erneut schliessen müssen.

Auch haben nicht alle Lehrer den Fernunterricht gleich optimal umgesetzt – einige taten dies besser, andere weniger gut. Dies hängt auch damit zusammen, dass der Fernunterricht in einigen Fächern weniger geeignet ist als in anderen und somit das Fernlernen teilweise erschwert ist. Meiner Meinung nach wurde zudem noch immer nicht das ganze Potenzial der zur Verfügung stehenden digitalen Tools ausgeschöpft. Dieser Lernprozess ist für alle Beteiligten noch nicht abgeschlossen.

Eine grosse Umstellung war für mich auch, dass Unterricht und Pausen nicht eindeutig voneinander abgegrenzt werden können, da eine Pausenglocke fehlt. Das Zeitgefühl geht manchmal einfach verloren: Wenn Lehrpersonen die Aufgaben vom Bearbeitungs- und Zeitaufwand her falsch einschätzen, kann es für uns Lernende phasenweise ziemlich streng werden. In der Schule ist es einfacher und stressfreier, eine Deadline einzuhalten. Weder Lehrer noch Schüler verlieren dort den Überblick.

Welche Veränderungen hat Covid-19 in deiner betrieblichen Ausbildung mit sich gebracht?

Die Umstellung auf Heimarbeit ist reine Gewöhnungssache. Da ich konsequent im Homeoffice bin, habe ich relativ schnell gelernt, sehr selbstständig zu arbeiten. Was mir allerdings zu schaffen macht, ist, dass ich fast ein halbes Jahr meine Arbeitskolleginnen und -kollegen nicht physisch treffen konnte. Ich mag die Geschäftigkeit im Büro und fühlte mich anfangs wegen der fehlenden sozialen Kontakte recht einsam. Auch bin ich im Betrieb viel motivierter zu arbeiten.

Ungewöhnlich war auch, dass meine IKA-Abschlussprüfung abgesagt wurde. Die Englisch-Abschlussprüfung hingegen hatte noch stattfinden können.

Die Wirtschaftslage ist prekär: Nicht wenige Unternehmen sind aufgrund der Anordnungen in ihrer Existenz bedroht, Kurzarbeit kann nicht in allen Fällen angeboten werden. Welche Gedanken schwirren dir in Bezug auf deine Zukunft durch den Kopf?

Einerseits bin ich optimistisch und hoffe, dass sich die ganze Situation bis zu meinem Lehrabschluss wieder beruhigt und stabilisiert haben wird. Andererseits mache ich mir Sorgen, ob mir eine allfällige Absage der Abschlussprüfungen in Zukunft Schwierigkeiten bereiten könnte. Ich wünsche mir Antworten auf Fragen wie z. B. «Wie viele offene Stellen wird es auf dem Arbeitsmarkt für mich geben, wenn ich soweit bin?».

Ich mache mir auch Gedanken darüber, ob ich je wieder ohne Maske unterwegs sein werde und ob ich je wieder meine Freunde treffen kann, ohne im Hinterkopf zu haben, dass das Corona-Virus jederzeit und überall lauert. Auch überlege ich mir, wie ich selbst zum Schutz von älteren Personen beitragen kann. Fragen über Fragen, auf die niemand eine verlässliche Antwort hat und die mich und viele andere junge Menschen tagtäglich beschäftigen.

Der Kaufmännische Verband ist Mitträger von drei Berufen in der Grundbildung, drei Rahmenlehrplänen sowie 16 Berufs- und Höheren Fachprüfungen. Die Abteilung Bildung berät ausserdem junge Mitglieder, Eltern sowie Berufs- und Praxisbildner zu Fragen rund um die Lehre und hilft bei der Suche nach Weiterbildungen.

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