Interview mit Yvonne Vafi: Was sich innerhalb von 23 Jahren am Beruf der Lektorin und in der Verlagslandschaft geändert hat

Yvonne Vafi war während mehr als 20 Jahren als Lektorin beim Verlag SKV tätig. Sie hat die Lehrmittelreihe für Deutsch «Fokus Sprache», die W&G-Reihe «Brennpunkt» und diverse Fachbücher betreut.

  • 18. September 2020, 10:00
  • SKV-News

Wie kam es dazu, dass du Lektorin geworden bist? Warum dieser Beruf?

Ganz klar aus Liebe zu Büchern! Ich habe als Kind schon immer gern und viel gelesen. Während meines Germanistikstudiums absolvierte ich ein Volontariat bei einem kleinen literarischen Verlag, und da hatte ich zum ersten Mal Einblick in die Tätigkeit einer Lektorin. Autoren reichten Literaturmanuskripte ein, und ich habe dazu Beurteilungen abgegeben. Da merkte ich, dass mir diese Tätigkeit mehr liegt, als selber zu schreiben. Eine Festanstellung in einem literarischen Verlag zu finden war fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Nach dem Diplom fürs Höhere Lehramt sammelte ich erste Erfahrungen als Deutschlehrerin an einem Gymnasium. Das war aber nicht meine Welt. Für die spätere Arbeit in einem Lehrmittelverlag erwiesen sich dieses Wissen und diese Erfahrung allerdings als grosser Vorteil für methodisch-didaktische Themen. Bei der VITA Lebensversicherung war ich unter anderem zuständig für die Publikation der Kundenzeitschrift VITA-Ratgeber, mit einer Auflagenhöhe von ca. 400'000 Stück. Nach ein paar Jahren Kinderpause fand ich glücklicherweise eine Stelle als Lektorin beim Verlag SKV, und so konnte ich meine Leidenschaft für Bücher und den Background in der Bildungslandschaft miteinander vereinen.

Wie sah dein Berufsalltag als Lektorin vor 23 Jahren aus, und wie ist der Alltag heute?

Früher wurde alles auf Papier bearbeitet. Mit Schere und Leim wurde gebastelt, zusammengeklebt, farbig markiert. Wenn ich heutzutage noch derart zusammengebastelte Manuskripte auf Papier abgeben würde, dann würde das bestimmt kein Setzer mehr annehmen. Durch die elektronische Bearbeitung mit Formaten wie PDF oder Word und durch die Möglichkeiten der vorhandenen Kommentarfunktionen in den Programmen wurde der Arbeitsalltag massiv unkomplizierter, einfacher, übersichtlicher und teilweise effizienter.

Die Abwicklung eines Buchprojekts wurde aber dadurch nicht unbedingt verkürzt, da aufgrund der digitalen Möglichkeiten die Überarbeitungen viel umfassender wurden. Früher hat das Projektteam – Autorin oder Autor und der Verlag – viel weniger am Inhalt verändert, weil der Aufwand einfach zu gross war. Heute ist die Versuchung gross, aufgrund der Technik immer wieder etwas zu ändern, was zu mehr Versionen führt.

Hat sich die Zusammenarbeit mit den Autoren verändert? Falls ja, inwiefern?

Nicht unbedingt, da ich viele Autoren über lange Jahre betreut habe. Aber der Austausch von Daten oder Informationen ist schneller geworden, da die Zusammenarbeit mit der Digitalisierung einfacher wurde. Früher wurden Manuskripte mit der Post hin und her geschickt, zum Teil per Express. Heute kann ganz einfach am selben Dokument zeitgleich gearbeitet werden. Was ich allerdings nach wie vor auf Papier mache, sind die ersten Korrekturen nach dem Satz. Typografie-, Sprach- und Layoutfehler sind meines Erachtens auf Papier besser zu erkennen als auf dem Bildschirm. Natürlich werden die Papierkorrekturen dann im PDF erfasst und so dem Setzer übergeben.

Hat sich die Zusammenarbeit intern im Verlag verändert?

Ja, die Projektarbeit wurde im Laufe der Jahre kooperativer und führte zu viel mehr Teamarbeit. Früher arbeitete ich bis zur Produktionsphase an einem Buchprojekt weitgehend alleine. Erst Marketingthemen wurden im grösseren Team besprochen. Heute startet ein Projekt schon zu Beginn mit viel Austausch mit allen am Projekt Beteiligten.

Was für Entwicklungen hast du in der Bildungslandschaft wahrgenommen?

Sehr viele Reformen, die meist nicht im vorgenommenen Umfang umgesetzt wurden! Die anstehende BIVO 2022 der Kaufleute sehe ich aber insofern anders, als dass es hier aufgrund des fundamentalen digitalen Wandels um einen Paradigmenwechsel in der Berufsbildung gehen wird, selbst wenn aus pragmatischen Gründen die neuen Lehr- und Lernmodelle vermutlich nicht im vollen Umfang realisiert werden können.

Gab es nie Momente, in denen du eine andere Richtung einschlagen wolltest, weg vom Verlagswesen, weg von diesem Beruf?

Nein, diesen Gedanken hatte ich nie. Natürlich gab es auch Tage, an denen die Motivation oder der Elan weniger da waren, aber es war nie so schwerwiegend, dass ich mich mit einer Neuorientierung befasst habe. Die Verschiedenartigkeit der Projekte und der Projektteams sorgt für grosse Abwechslung und für immer neue Herausforderungen. Das ist das Schöne an diesem Beruf. Ich konnte immer viel Einfluss auf Projekte nehmen, teilweise Autorenteams selber zusammenstellen, mitwirken bei der Konzeptentwicklung und meine eigenen Ideen einbringen. Die Arbeit blieb somit immer spannend und machte mir sehr viel Spass.

Zum Schluss – was ist nun dein Fokus nach der Pensionierung?

Ich bleibe ja noch mit einem Fuss im Verlagsalltag drin, da ich in einem kleinen Rahmen weiterhin Projekte begleite. Ich freue mich, dies weiterhin tun zu dürfen. Dies ermöglicht mir einen sanften Berufsausstieg, und so bleibt mir auch das lieb gewonnene Verlagsteam noch erhalten.

Durch die neu gewonnenen Freiheiten habe ich künftig mehr Selbstbestimmung, und darauf freue ich mich sehr!

Melanie Künzler

Melanie Künzler ist in den Rollen Projektmanagement, Contentmanagement und Angebotsentwicklung beim Verlag SKV aktiv und engagiert sich dort stark für die Umsetzung der medienneutralen Datenaufbereitung. In ihrer Freizeit ist sie auf Biketouren im Alpstein anzutreffen, bezeichnet Rotwein als ihre grosse Leidenschaft, geniesst die Gesellschaft anderer Menschen um sich herum und ist somit auch froh, dass ihre Arbeitstage im Homeoffice grösstenteils gezählt sind.

Kommentare

Oh, ich kann diese Worte alle sehr gut nachvollziehen! Schreibe selber gerne und wollte immer "Gotte" eines Buches sein. In der Werbeagentur haben wir uns Lektoren/Korrektoren geleistet - ich fand es langweilig, was die machen mussten und war dennoch fasziniert von ihrer Arbeit - bevor sie in den Satz kam. Weder geklebten Satz noch Setzer gibt es heute - fühle mich gerade ein wenig alt.

Vor ein paar Jahren durfte ich ein Sachbuch zu Marketing in der Immobilienbewirtschaftung lektorieren - das war eine *Chnübliarbeit*. Würde ich mir heute nicht mehr anmassen, denn das Fachwissen konnte ich zwar bieten, aber ob das sprachlich auch wirklich niet- und nagelfest war, dessen bin ich mir heute nicht mehr so sicher.

Dafür freut es mich, dass noch heute meine fachlichen Feedbacks als pädagogische Expertin gefragt sind. Alles andere überlasse ich gerne Profis wie Dir, liebe Melanie!

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