Hat das Fernlernen den Unterricht verändert?

Wenn man den Zeitungen und den sozialen Medien glaubt, dann haben wir erreicht, worauf wir jahrelang gewartet haben – die Digitalisierung der Schulen ist geschafft. Jetzt können wir uns zurücklehnen und nach den Sommerferien von den Errungenschaften der Fernlernzeit profitieren. Doch bei aller Euphorie heben Skeptiker mahnend den Finger: Fernlernen hat nur wenig mit der Digitalisierung oder dem digitalen Wandel an Schulen zu tun. Recht haben wahrscheinlich beide Seiten, und die Antwort bezüglich des erreichten Digitalisierungsgrads ist nur eine Frage der Blickrichtung.

  • 24. Juli 2020, 10:00
  • Unterricht der Zukunft

Das SAMR-Modell und Fernlernen: Transformation ja oder nein?

Das SAMR-Modell von Rubens Puentedura bietet einen möglichen Erklärrahmen für eine strukturierte Auslegeordnung. Auf der Stufe S (wie 'Substitution') werden analoge Unterrichts-Elemente durch ihre digitalen Formen ersetzt, z. B. der Lehrvortrag im Präsenzunterricht durch einen Lehrvortrag in der Videokonferenz. Auf der Stufe A (wie 'Augmentation') werden digitale Elemente als Hilfe oder Erleichterung genutzt, z. B. wenn die Rechtschreibprüfung im Word angewandt wird. Im Fernlernen war dies eine oft genutzte Hilfe, da Aufgaben digital eingereicht werden konnten. Somit kann sicher festgestellt werden, dass dank dem Fernlernen diese digitalen Funktionen sowohl bei Lehrpersonen als auch bei Lernenden gelernt, trainiert und optimiert wurden. In dem Sinne – es ist vollbracht.

 

Analoge Unterrichts-Elemente

Stufe SAMR

Fernlernen

Unterricht mit digitalen Tools in einer hybriden Lernumgebung
(sowohl analog als auch digital)

Lehrvortrag

Substitution

Video-Konferenz mit Input der Lehrperson, an der alle Lernenden gleichzeitig teilnehmen

Der Lehrvortrag wird im Schulzimmer gehalten. Diesem kann vor Ort gefolgt werden. Er wird aber auch per Videokonferenz übertragen.

Aufgaben im Buch lösen

Augmentation

Aufgaben im Buch lösen und als Bestätigung einen Scan einreichen.

Lernvideos, welche die Lernenden zur selbstgewählten Zeit ansehen können.

Der Lehrvortrag aus der Videokonferenz wird zusätzlich aufgenommen und steht damit jederzeit zum nochmaligen Anschauen zur Verfügung.

Gemeinsam Inhalte erarbeiten und diskutieren, Endprodukt erstellen

Modification

Mit Hilfe von geteilten Dokumenten und von Videokonferenz gemeinsam ein Produkt erstellen, jedoch mit virtuellen Mitteln

Zu Hause wird ein Thema unter Nutzung verschiedenster analoger und digitaler Tools erarbeitet (Beispiele: Internetrecherche, Lehrbuch, Twitter). Während der Präsenzzeit wird das Thema diskutiert und gemeinsam ein Lernprodukt erstellt. Merkmal der Lernprodukte ist, dass die Dokumentation des Lernprozesses im E-Portfolio erfolgt.

Unterrichtsinhalte und Ziele werden von Lernenden selber festgelegt und der Weg der Erarbeitung sowie die Form der Lerndokumentation festgehalten.

Redefinition

Das zu erarbeitende Thema aus dem Lehrplan ist bekannt. Die Lernenden dokumentieren ihren Weg digital und halten Lernergebnisse digital fest. Die Lernergebnisse sind offen.

Die Lernenden besprechen im Coaching-Gespräch ihre Lernziele.

Der Unterricht mit digitalen Elementen kann aber wesentlich mehr. Und da werden die Skeptiker argumentieren, dass im Fernlernen vor allem die Substitution und die Augmentation verbessert würden. Dies habe aber keinen langfristigen Effekt auf die Digitalisierung der Schule, da erst mit der Stufe Modification, also der Neugestaltung von Unterricht, und der Stufe Redefinition, wo mit digitalen Elementen Unterricht und Lernen auf eine Weise geschehen, die bis jetzt undenkbar gewesen sind, eine wirkliche Veränderung eintrete. Unter diesem Aspekt haben wohl die Skeptiker recht, welche behaupten, dass das Fernlernen in der grossen Masse keine wirkliche Veränderung bewirkt habe.

 

So blicken wir nach vorne

… und nehmen aus der Fernlernphase die vielfältigen Erfahrungen mit digitalen Tools mit. Dazu kommen die vielen Erfahrungen, welche unsere Lernenden in dieser Zeit bezüglich Selbstständigkeit, Selbstverantwortung für ihr Lernen und Selbstorganisation in Lerngruppen gesammelt haben. Wenn nach den Sommerferien der Präsenzunterricht wieder zum Standard gehört (gemäss MBA Zürich), dann lassen sich hybride Lernformen von analogen und digitalen Elementen zu ganz neuen Lehr- und Lernarrangements führen, sofern die Vorteile des Präsenzunterrichts als «quality time» kombiniert mit denjenigen des Fernlernens genutzt werden. Dann wird die Fernlernphase zwischen den Präsenzzeiten zur Vorbereitungsphase und die Präsenzphase zum intensiven Austausch, zur gemeinsamen Erarbeitung und Vertiefung genutzt, aber auch, um Fragen zu beantworten und offene Punkte zu besprechen.

 

analog

        digital

Fernlernen

Mit dem Buch Inhalte erarbeiten und vorbereiten

 

 

Video-Tutorials schauen, Inhalte selbstständig verarbeiten (z. B. durch weiterführende

Internetrecherchen) und diese in Gruppen in geteilten Dokumenten auswerten lassen

Präsenzlernen

Gruppendiskussionen durchführen, z. B. zum vorbereiteten Inhalt

Eine digitale Umfrage erstellen (Beispiel: Mentimeter) und die Ergebnisse sofort durch die Lernenden kommentieren und reflektieren lassen

Es ist vollbracht – die Puzzlesteine sind vorhanden, jetzt müssen wir sie nur neu ordnen!

Simone Büchi
Ihre Leidenschaft für Entwicklungsprozesse lebt sie bei dem von ihr mitgegründeten Unternehmen 5to9 aus. Sie begleitet Organisationen und Bildungsinstitutionen in Veränderungsprozessen. Davor arbeitete sie bei der PH Zürich als Bereichsleiterin Sek II, wo sie Ausbildungskonzepte entwickelte, Fachdidaktik Wirtschaft und Gesellschaft unterrichtete, Studierende beriet und begleitete sowie Lehrproben und Portfolios examinierte.

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