Gastbeitrag: Schule muss sich entwickeln. Schule "neu denken" ist unnötig.

Mich irritiert die Forderung, Schulen müssten sich nicht nur entwickeln, (was die meisten machen), Schulen müssten neu gedacht werden. Gefordert wird thematische Beliebigkeit und die Abschaffung von allem, was nach Leistung, Lehrpläne, Bewertung (insbesondere Einzelprüfungen und Noten) und Selektion aussieht. Nicht nur bis zur vierten/fünften/sechsten Klasse (darüber kann man wirklich diskutieren), sondern am besten bis und mit Uni-Abschluss.

Es irritiert mich, weil man leicht zeigen kann, dass die Annahmen hinter diesen Forderungen zu grossen Teilen fehlerhaft sind.
  • 15. Mai 2020, 10:00
  • Unterricht der Zukunft

1. Annahme: Die Halbwertszeit des Wissens hat sich verkürzt.

Dieser Glaube ist weit verbreitet aber falsch. Praktisch das gesamte Wissen, welches in der Schule gelehrt und gelernt wird, ist grundlegendes Wissen, welches sich teils seit Jahrtausenden nicht mehr verändert hat.


Auf diesem Wissen baut berufsspezifisches Detailwissen, welches sich vielleicht tatsächlich verändert, auf. Dass Kinder und Jugendliche dieses Grundwissen aufbauen ist ein Beitrag, den die Schule an die Wirtschaft leisten kann und tut. Wer ein breites Allgemeinwissen, wer ein vertieftes Orientierungswissen hat, ist agil, flexibel, hat gesellschaftliche Teilhabe und kann auf ändernde Ansprüche der Wirtschaft reagieren. Tiefe (Jugend)arbeitslosigkeite und hohe Erwerbsquote sind die Folge.
 

2. Annahme: Nur intrinsische Motivation ist richtiges Lernen und bleibt im Gedächtnis, extrinsischer Druck demotiviert

Diese Aussage tönt einleuchtend, ist aber falsch. Entscheidend ist nicht der ursprüngliche Anreiz, sondern die Dauer und Intensität. Auch extrinsische Anreize können Interesse wecken.


Ich habe jahrelang ehrenamtlich gearbeitet (Junioren- und Aktivhandballtrainer, Hauptorganisator Juniorentrainingslager, Gemeindepolitik). Es wird tendenziell schwieriger, Leute für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen. Oft muss mit extrinsischen Anreizen nachgeholfen werden. Warum dies in der Schule plötzlich anders sein soll, ist unklar.


Praktisch alle Spitzenleistungen basieren auf einer Mischung aus innerem Antrieb und äusseren Anreizen.
 

3. Annahme: Schule fördert Bulimielernen

Abgesehen von der völlig deplazierten Bezeichnung "Bulimielernen", ist die Aussage falsch. Selbst wenn ein Teil vergessen geht, typischerweise kommen einem diese Teile rasch wieder in den Sinn. Sie gingen eben nicht vergessen, sie waren lediglich nicht mehr präsent.


Dies erlebe ich regelmässig, wenn ich mit Erwachsenen arbeite. Vieles aus der Grundbildung ist ihnen nicht mehr präsent. Wenn wir solche "vergessenen" Themen anschauen, kommt es ihnen rasch wieder in den Sinn. Die BM2 (Berufsmatura für Erwachsene) Lernenden verstehen ein Thema viel schneller als Lernende der Grundbildung, die denselben Sachverhalt zum ersten Mal hören.


Ausserdem gibt es Lernende, die eine Sache nicht vergessen.


Ausserdem steigt das Ansehen von Menschen, welche viel wissen. Wissen ist ein Wert an sich.

 

4. Annahme: Alles, was automatisiert wird, wird automatisiert.

Diese Aussage ist richtig, ist aber nichts Besonderes. Strukturwandel läuft seit gut 300 Jahren und hat sich in den letzten 30 Jahren als Folge von Globalisierung und Digitalisierung beschleunigt. Der Satz soll wohl Alarmismus erzeugen: Wenn wir nicht sofort die Schule neu denken, zerstören wir die Zukunft unserer Kinder! Unsinn.

5. Annahme: Bewertungen und Selektion demotivieren Lernende

Diese Gefahr besteht, weshalb die Volksschule längst dazu übergangen ist, differenzierte Bewertungen und Rückmeldungen zu geben. Neben Querschnittsvergleichen werden längst auch persönliche Entwicklungen festgehalten. Leider werden Lehrpersonen für diese Mehrarbeit meist nicht entschädigt.

Rückmeldung kann bewirken, dass ein Jugendlicher einen realistischen Ausbildungsweg wählt.
Zu glauben, dies würde auch freiwillig passieren, ist naiv. Nicht selten werden Lehrpersonen von Eltern und ihren Anwälten unter Druck gesetzt, wenn Leistungen nicht klar bewertet sind und Empfehlungen nicht den Wünschen der Eltern entsprechen.
Wenig überraschend: Noten wurden nach Volksabstimmungen wieder eingeführt. Nicht Noten und Selektion setzten Kinder unter Druck. Oft sind es die Eltern. Oft respektieren die "Selektionsablehner" nur das Gymnasium. Deshalb ihre Forderung "Matura für alle".

Selbst wenn man die dreigliedrige Oberstufe abschaffen würde, gäbe es Selektion. Ein völlig individualisiertes System würde die Unterschiede wohl sogar noch vergrössern. Es heisst dann zwar nicht mehr Selektion, es ist aber offensichtlich, dass ein Kind mehr kann als ein anderes. Am Ende kriegen zwar alle ein Maturzeugnis "geschenkt" (Matura für alle), dieses ist aber nichts (mehr) Wert.

6. Annahme: Quervergleiche und Noten gibt es nur in der Schule, sonst nirgends.

Diese Argument ist derart absurd, dass ich jedesmal stocke, wenn ich es lese. Leute, die so argumentieren, mussten sich wohl noch nie um einen Job bewerben.
Gemäss Rückmeldungen aus der Erwachsenenbildung ist es gängige Praxis, dass bei Mitarbeitergesprächen die Zielerreichung mit "übertroffen", "erfüllt", "nicht erfüllt"  oder "sehr gut", "gut", "genügend" und "ungenügend" beurteilt wird. De facto Noten.

Irritierend ist, dass sogar Ausbildungsverantwortliche von Unternehmen Beliebigkeitsforderungen in sozialen Medien liken.
Sind das eigentlich dieselben Ausbildner, welche monieren, man fände keine guten Lernenden mehr, weil diejenigen, die sich bewerben, könnten weder einen Satz fehlerfrei schreiben, noch beherrschten sie den Dreisatz? In meiner Erfahrung können fast alle Berufsleute den Dreisatz gut. Die Schule lehrt eben dieses beständige Wissen "Dreisatz", was der Forderung nach "Lerninhalten aus dem Leben der Kinder" zuwider läuft. Kaum ein 12-jähriger braucht den Dreisatz. Im Übrigen werden längst praktische Bezüge vorgenommen.

Nehmen wir an, die Wirtschaft will wirklich nur noch Kompetenzen

Die heutigen Primarschülerinnen und -schüler werden in rund 60 Jahren pensioniert. Kein Mensch weiss, wie dann die Wirtschaft aussieht. Die Idee, die Schule müsste die Bedürfnisse der Wirtschaft befriedigen, ist absurd!


Welche Wirtschaft genau?


Die heutige Wirtschaft oder die Wirtschaft im Jahre 2060? KMU oder Multi?
 

Was getan werden muss, für die Kinder/Jugendlichen und die Wirtschaft

Was die Schule kann und auch sehr erfolgreich macht, ist das Vermitteln von grundlegender, beständiger Allgemeinbildung und sie kann mithelfen beim Aufbau von Orientierungswissen. Die Grundvoraussetzung für kritisches Denken. Weiter werden Kompetenzen wie Konzentrationsfähigkeit, Kreativität, Zusammenarbeit etc. geschult. Selbstorganisation wird mit Projekten gefördert.


Dies ist überhaupt nicht Neues!


Schulprojekte, Vorträge, Gruppenpräsentationen, Theateraufführungen, Mehrjahrgangsklassen etc. gibt es seit Jahrzehnten.
Sogar die Berufsschulen, welche nahe an der Wirtschaft sind, konzentrieren sich vor allem auf berufsspezifische, theoretische Grundlagen und Allgemeinbildung. Mehr dazu hier.
Übrigens: Jeder Sportverein, jedes Pfadilager, jede Jugendmusik kann Kooperation, Kreativität und Kommunikation besser vermitteln.

Es kommt tatsächlich vor, dass Kinder/Jugendliche in unserem Schulsystem "unter Wert" geschlagen werden. Gemessen an der Gesamtzahl ist die Zahl aber gering. Trotz individualistischer Gesellschaft ist die Zustimmung zur Volksschule hoch.

Wichtig ist, dass das Bildungswesen durchlässig ist. Nachholbildung, BM2, Passerelle, Höhere Fachschulen, Fachausweise etc. müssen gefördert, subventioniert und mit vernünftigem (finanziellen) Aufwand möglich sein. Nicht alle brauchen Matur, aber alle brauchen eine Chance auf Karriere.

Wenn ein Mitarbeiter wirklich mal zu wenig Kommunikationskompetenz oder zu wenig Kreativität hat, so gibt es bereits heute Schulen, die in Zusammenarbeit mit Berufsverbänden zielgerichtete Weiterbildungen anbieten. In sozialen Medien wimmelt es von Berater*innen, die gerne unternehmensinterne Weiterbildungen durchführen. Die Schule liefert dazu die Grundlage.

 

Text erstmals 18.04.2020 erschienen auf der Blogseite von Beat Gräub https://beat-graeub.blogspot.com/2020/04/schule-muss-sich-entwickeln-schule-neu.html

Beat Gräub

Beat Gräub arbeitet als Lehrer für Wirtschaft und Recht und ist Prorektor am KV Lenzburg Reinach. Da diese Schule aus regionalpolitischen Gründen im Sommer 2020 geschlossen wird, wird er ab August am Zentrum Bildung in Baden sowie als Stellvertretender Geschäftsführer beim aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverband tätig sein. Darüber hinaus ist er in der Erwachsenenbildung tätig und äussert sich zu (bildungs)politischen Fragen in sozialen Medien und in seinem Blog. Beat Gräub ist verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern.

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