Facetten der Lehrerkooperation

Kooperationen sind omnipräsent und gewinnen in dieser schnelllebigen Zeit immer mehr an Bedeutung. Sei es in oder zwischen Unternehmen, im Privatleben oder in der Familie – wir alle kooperieren in irgendeiner Weise mit Personen unseres Umfelds. Nur was genau ist unter dem Begriff der Kooperation, geschweige denn der Lehrerkooperation, zu verstehen?

  • 16. April 2021, 10:00
  • Lernen 360 Grad

Fit 4 BiVo 2022

Im Lexikon für Psychologie von Dorsch wird der Begriff «Kooperation» wie folgt beschrieben: «Eine Form gesellschaftlicher Zusammenarbeit zwischen Personen, Gruppen oder Institutionen bzw. als soziale Interaktion. Sie zeichnet sich durch bewusstes und planvolles Herangehen bei der Zusammenarbeit sowie durch Prozesse der gegenseitigen Abstimmung über bestehende Zielvorstellungen aus.»

Bereits Henry Ford hat die Wirkung der Zusammenarbeit (Kooperation) kurz und treffend beschrieben: «Zusammenkommen ist ein Beginn, Zusammenbleiben ist ein Fortschritt, Zusammenarbeiten ist ein Erfolg.»

Was beinhaltet dieses vermeintlich einfach anmutende Erfolgsmodell in der Lehrerkooperation? Grob zusammengefasst geht es bei der Lehrerkooperation um den Austausch von Informationen, Materialien und Erfahrungen sowie um die (Weiter-)Entwicklung von Unterrichts- und Stoffplänen. Ziel dabei ist es, mit der Kooperation unter Lehrpersonen zum Erfolg in Bildungsinstitutionen beizutragen und damit die Schul- und Unterrichtsqualität zu verbessern; diese Wirkung ergaben bislang auch empirische Forschungen. Dies hört sich anfänglich eher zeitaufwändig und kompliziert an, trägt aber unmittelbar zur Entlastung der Lehrpersonen sowie zur Teamentwicklung bei.

Agile Methoden, die aus Unternehmen heutzutage nicht mehr wegzudenken sind, stärken zum Beispiel die Zusammenarbeitsmöglichkeit auf vielen Ebenen und können bereits bei den ersten Schritten in Richtung Kooperation angewendet und so trainiert werden.

Es gibt verschiedene Wege, welche sich zur Etablierung von kooperativen Elementen eignen. Wir stellen Ihnen hier kurz eine Möglichkeit vor:

Etappe 1: Zieldefinition und Planung

Erschliessen Sie die kollektive Expertise innerhalb Ihrer Lehrerschaft. Durch das Bewusstwerden der bereits vorhandenen Stärken im Team können neuzeitige Lernarrangements im Dialog ausgearbeitet werden. Die anschliessende gemeinsame Modifikation von handlungsleitenden Vorstellungen kooperierender Personen und Reflexion des beschrittenen Wegs führt zu einem gemeinsamen Zielbild und ermöglicht die Planung (von Teilschritten) bis zu dessen Erreichung.

Etappe 2: Optimierung der Interaktionen

Die in der Etappe 1 erarbeiteten Lernarrangements und Planungen werden in der zweiten Etappe mehrmalig erprobt. Diejenigen Elemente, die sich bewähren, werden wiederum, unter Einbezug von Fremd- und Eigenbeobachtungen, in der Lehrerkooperation etabliert.

Elemente beider Etappen können in einem regelmässigen Rhythmus zur Weiterentwicklung der Lehrerkooperation eingesetzt werden.

Wichtig bei der Erarbeitung und Integrierung einer Kooperation – oder in diesem Fall einer Lehrerkooperation – sind Vertrauen und Transparenz. Die beteiligten Personen müssen sich aufeinander abstimmen, was eine offene Kommunikationskultur voraussetzt. Durch die kollektive Verantwortung und gegenseitige Verpflichtung erreichen Sie im Team das gemeinsame Zielbild.

Story

«Gemeinsam besser werden»

Johann Eichenberger, Lehrperson BGSOL an der WKS Bern, kennt Vorzüge und Stolpersteine der Lehrerkooperation:

Im Vergleich zum herkömmlichen Regelklassenunterricht ist die Zusammenarbeit zwischen Lehrpersonen des gleichen Fachs zwingend sehr intensiv. Die Vorgehensweise ist hierbei allerdings sehr unterschiedlich: Einige haben die Arbeit der Ersterstellung klar untereinander aufgeteilt und sich gegenseitig zur Verfügung gestellt. Andere haben Vieles gemeinsam erstellt, was zwar zeitlich aufwändiger ist, die Qualität und gegenseitige Akzeptanz aber eher erhöht. Am grössten sind die Unterschiede darin, wie mit dem Material des Vorjahres umgegangen wird: Manche nutzen das vorhandene Material dankbar und optimieren punktuell. Andere tun sich noch eher schwer damit, vorhandenes Material umzusetzen, und investieren nochmals massiv Zeit, eine neue Version zu erstellen. Nach einiger Zeit merken diese Lehrpersonen aber typischerweise, dass der Aufwand doch relativ gross und nicht wirklich nötig ist.

Die Zusammenarbeit über Fächer hinweg ist aktuell noch kaum ein Thema, da die Proben und das QV noch fächerbasierend sind. Ein fächerübergreifender Austausch findet aber dennoch infolge der gleichzeitigen Präsenz im Klassenzimmer statt. Es ist spannend zu erleben, wie andere Fächer unterrichtet werden. Gleichzeitig ist man auch vermehrt «unter Beobachtung», was nicht alle gleichermassen mögen.

Besonders positiv an der Lehrpersonenkooperation ist, dass man nicht mehr allein auf sich gestellt ist: Es sind Spezialisierungen möglich, denn nicht alle können alles gleich gut – so können Stärken ausgebaut und Schwächen durch jemand anders abgedeckt werden. Gemeinsam kann man besser werden, weil immer eine zweite Person «Qualitätskontrolle» macht. Im Gegenzug gibt es allerdings auch Verbindlichkeiten: Inhaltliche Abmachungen und Termine müssen eingehalten werden. Spontane Sololäufe verträgt es kaum, da immer jemand anders ebenfalls davon betroffen ist. Auch bei unterschiedlichen Qualitätsvorstellungen innerhalb des Teams wird es schwierig. Folglich ist es wichtig, dass die Fachlehrpersonenteams wirklich zusammenarbeiten wollen.

3 Fragen an Claudia Hug, Rektorin im Bildungszentrum Limmattal

1. Die Kooperation von Lehrpersonen wird an Ihrer Schule im Rahmen von «n47e8» grossgeschrieben. Welche Voraussetzungen müssen aus Ihrer Sicht hierfür in einer Bildungsinstitution gegeben sein?

Die Lehrpersonen erfahren einen Wandel in verschiedenerlei Hinsicht:

Der handlungskompetenzorientierte Unterricht steht im Zentrum; die Rolle der Lehrperson erweitert sich um jene des Coachs und der Lernstandsdiagnostikerin; die Digitalisierung – als Transportmittel des pädagogischen Konzepts – birgt einige Herausforderungen und zu alldem bewegt man sich noch weg vom Credo «Ich und mein Unterricht» hin zu «Wir und unsere Schule». Um alle diese Herausforderungen zu bewältigen, braucht es viel Agilität, grosse Bereitschaft zu Kooperationen (auf allen Ebenen), Durchhaltewillen und Sinnhaftigkeit.

Bei so viel Change ist Kooperation zwingend notwendig und eine Voraussetzung für gutes Gelingen. Kooperationen sollten so gestaltet sein, dass sie einerseits Ressourcen sparen helfen (das heisst, nicht alle müssen das Rad wieder neu erfinden) und dass man andererseits auch voneinander lernen kann, dass sie ein Sounding Board bieten, dass sie kritische Rückmeldungen zulassen, dass sie lösungsorientiert agieren lassen und dass bei dieser Zusammenarbeit die Sinnhaftigkeit für das, was man eben tut, im Zentrum steht.

2. Und was genau steht bei dieser Kooperation im Zentrum?

Im Zentrum steht bei uns immer der resp. die Lernende. Alles, was wir in der Schule tun, soll den Lernenden den Anschluss an die auf dem Arbeitsmarkt herrschenden Bedingungen erleichtern. Das bedeutet eben auch, dass wir uns in der Schule – vor allem in einer berufsbildenden Schule – sehr agil bezüglich fachlicher und überfachlicher Kompetenzen bewegen müssen. Dieser Wandel beeinflusst eben auch die Erwartungen an eine Lehrperson. Die Voraussetzung beschränkt sich dementsprechend nicht nur auf die Kooperation, sondern auf die umfassende Kompetenz der Agilität. Das Konzept «n47e8» hat unser gesamtes Team in der Agilität gefordert und entwickelt.

3. Wie fühlen sich die Lehrpersonen im neuen Lern- bzw. Unterrichtssetting im Vergleich zu vorher?

Die Begleitung der Lernenden in ihrem Lernprozess ist nicht grundlegend anders. Mit dem neuen Setting bekommt diese Begleitung eine andere Bedeutung. Sie wird intensiver, strukturierter und zielorientierter. Durch das Konzept «n47e8» gibt es vermehrt Zeit für konkrete Coachingsituationen. Lehrpersonen und Lernende gehen den Weg des Kompetenzerwerbs kooperativer als früher. Disziplinarische Schwierigkeiten gibt es viel seltener, da die Individualisierung und die situative Begleitung auf die Bedürfnisse der Lernenden abgestimmt sind. Und da ist sie: die Sinnhaftigkeit! Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als junge Menschen ein Stück auf ihrem Weg in eine für sie gelingende Zukunft zu begleiten.

Das Kanban-Board als agile Methode …

…, ob analog oder digital, dient zur einfachen Visualisierung von persönlichen Aufgaben oder Team-Tätigkeiten. Es kann auf die individuellen Bedürfnisse der Nutzenden angepasst und auch erweitert werden. Die Methode wird bei der Aufgabenorganisation eines Einzelnen, einer Gruppe, einem Team oder einem Unternehmen wie z. B. einem Bildungsinstitut eingesetzt.

Kanban-Board (Darstellung von Denise Neuschwander)

Inhaltlich bedeuten die Spalten im Einzelnen:

Backlog: Auflistung aller Arbeitseinheiten/Aufgaben, die während einer bestimmten Periode erledigt werden müssen. Im Bildungskontext würden hier beispielsweise einzelne Lernziele/Bausteine aufgeführt, die während eines Quartals oder Semesters zu erledigen sind.

To Do: Alle nach Priorität aufgeführten Aufgaben, welche als Nächstes (z. B. innert einer Woche) zu erledigen sind.

Doing: Aktuelle Aufgaben in Arbeit. Ein WIP (Work in Progress) führt zur Limitierung der Aufgaben, um den Fokus auf die einzelnen Aufgaben nicht zu verlieren.

Parking: Aufgaben werden geparkt, wenn sie durch fehlende Rückmeldungen, eine Blockade oder benötigte Unterstützung kurzzeitig nicht weiterbearbeitet werden können.

Review (optionale Spalte): Als Kontrollinstanz bei Gruppenarbeiten oder durch Lehrpersonen einsetzbar.

Done: Alle erledigten Aufgaben.

Inside

Da wir bereits beim Thema sind: Wir möchten alles Mögliche tun, um Sie und uns auf die Bildungsreform 2022 vorzubereiten! Deshalb sind wir auch auf Ihre Unterstützung angewiesen. Sind Sie Berufsbildungslehrperson, Didaktikerin, Praxisexperte oder Videoredakteurin?

Dann besuchen Sie uns am 24. April 2021 in unserem World Café. Dort werden wir gemeinsam mit Ihnen und geladenen Referenten eruieren, welches neue Mindset für die Bildungsreform «Kaufleute 2022» benötigt wird und wie der Prozess dorthin mit Ihnen zusammen – in Co-Creation – auszugestalten ist.

Vorschau

Seien Sie gespannt und freuen Sie sich schon jetzt auf den nächsten Newsletter «Bildung 360 Grad»: Im Mai steht die «Methodenvielfalt in der Wissensvermittlung» im Vordergrund, u. a. mit einem interessanten Leitartikel, einem spannenden Interview und einer passenden Story.

Glossar zur BiVo 2022

Lehrpersonenkooperation | Kollaboration | soziale Interaktion | agile Methode | (Lern-)Kanban | World Café | Teamteaching | Teambildung | kollektive Expertise | Lerncoach | Lernarrangement | BGSOL | Vertrauen | Transparenz | offene Kommunikationskultur | kollektive Verantwortung | Co-Creation

Literaturempfehlungen

Lehrerkooperation unter Innovationsstress.
Morgenroth, S. (2015). Wiesbaden, Deutschland: Springer Fachmedien.

Motivationale Bedingungen von Lehrerkooperation.
Drossel, K. (2015). Münster, Deutschland: Waxmann Verlag.

Erfolgreiche Kooperation in Unternehmen.
Schäfer, F. (2009). Frankfurt am Main, Deutschland: Campus Verlag.

Fragen oder Wünsche?

Haben auch Sie bereits Erfahrungen mit neuen Organisationsmodellen innerhalb der Lehrerschaft gemacht und möchten diese teilen? Welche agilen Methoden unterstützen Sie speziell in der Lehrerkooperation? Sprechen Sie mit uns darüber!

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